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Jahresbrief 2009
SIE HÖREN NICHT AUF – WIR AUCH NICHT


Jahresbericht 2009


Liebe Freundinnen, liebe Freunde der Kinderhilfe- Brasilien

Im Frühjahr 1989 wurde in Berlin (West) die „Kinderhilfe- Brasilien“ gegründet. Im Herbst 1989 fiel, wer hierzulande erinnerte sich am Ende dieses denkwürdigen Jahres 2009 nicht, die Mauer in Berlin. Das eine hat mit dem anderen natürlich nichts zu tun. Dass sich beides, das kleine, die Welt nicht weiter bewegende Ereignis wie das historisch so bedeutsame nun zum zwanzigsten Mal jährten: purer Zufall. Während aber der Fall der Mauer nicht nur weltpolitisch die Lage veränderte, sondern für sehr viele Menschen auch zutiefst das eigene Leben (für viele wohl zum besseren, für manche aber auch nicht), hat sich für nur wenige Menschen in den Elendsvierteln Brasiliens etwas geändert. Deshalb gibt es uns auch noch, uns, die „Kinderhilfe Brasilien“. Deshalb schreibe ich Ihnen heute zum 21. Mal. Die Lage der Kinder in Recife, Nord/Ost Brasilien, an deren Veränderung wir nicht aufhören zu glauben und für deren Veränderung wir mit Ihrer Hilfe im Rahmen unserer Möglichkeiten weiterkämpfen, sie scheint, nein sie ist entwürdigend, erschreckend, grausam wie am ersten Tag. Auch wenn dieses große und in vielem auch großartige Land inzwischen offiziell zu den „Schwellenländern“ gezählt wird, die den „Sprung“ aus Elend und Armut schaffen könnten, die Menschen in den favelas, leben weiterhin Tag für Tag nur an einer Schwelle, der zwischen Leben und Tod.

Im Anhang des Briefes finden sie eine Kopie des ersten Rundschreibens der „Kinderhilfe- Brasilien“ vom März 1989. Tauschen Sie die eine oder andere Zahl aus, machen Sie aus der „Deutschen Mark“ den „Euro“ und Sie haben eine aktuelle Beschreibung der Nöte dort. Klingt deprimierend, nicht? Ist es auch. Aber eben nicht nur. In unserer so traurigen Geschichte stecken nämlich auch nicht nur scheinbar kleine Erfolge. Erfolge, die in Wahrheit für einen ganz konkreten einzelnen Menschen über Sein oder Nichtsein entscheiden können. Ich bin mir sicher und überschätze dabei unsere Möglichkeiten nicht: von den hunderten von Kindern und Jugendlichen, denen ich in den vergangenen zwanzig Jahren in Recife begegnet bin wären nicht wenige ohne Ihr und unser Engagement nicht mehr am Leben.

Genauer, ohne das Engagement der Brasilianerinnen und Brasilianer, die mit Ihrer jährlichen Spende ein Rettungsprogramm fortsetzen, das zwar nirgendwo Schlagzeilen macht, aber doch existiert und immer wieder auch funktioniert. Demetrius, Roberta, Ademilson, Vera, Maria, Oriosvaldo, Elisangela, Suleide und die vielen Mitarbeitern in den 4 Projekten, sie alle geben Gott sei Dank nicht auf. Also tun wir, tun Sie es bitte auch nicht!

Diesen Brief beende ich mit einem aktuellen Bericht, zusammengestellt aus den Notizen, die ich mir im Sommer in Recife gemacht habe, eine kleine Geschichte die uns aufatmen lässt.

Wie immer, versteht sich, verbunden mit einem Foto, eines von so vielen, eines, das mir besonders am Herzen liegt und das ich Ihnen ans Herz lege.

SCHATTEN UND LICHT
Statt eines Reiseberichts

In diesem Sommer war ich drei Wochen in Recife. Es war meine zwölfte Reise dorthin. Ich besuche möglichst alle zwei Jahre die Projekte, die wir unterstützen, neugierig darauf, ob alles klappt. Darüber hinaus möchte ich wissen, ob Ihre Spenden auch optimal eingesetzt werden. Martin Jabs war wieder dabei. Er begleitet mich nun schon viele Jahre und ist für die „Kinderhilfe- Brasilien“ unersetzlich, als Organisator und Übersetzer. Wie stets habe ich auch diesmal ein Reisetagebuch geführt, 36 Seiten lang ist es geworden: ein Notizbuch, das nicht nur meine Eindrücke und die Fakten festhält, sondern auch die Berg- und Talfahrt meiner Gefühle und Gedanken. Normalerweise dient es mir als Grundlage für meinen Jahresbericht über die vier Projekte, die dank Ihrer Spenden weiterhin existieren: das „Haus der kleinen Propheten“ von Demetrius; CAMM, das „Haus für Mädchen und Jungen“ von Roberta und Ademilson; das Centro „Gemeinschaft Leben und Lernen“ von Vera, sowie die Selbsthilfegruppe „Verantwortung übernehmen für unsere Kinder“.

Doch dann, am Morgen des 16. November 2009, ich bin wieder in Berlin, erreichen mich von Demetrius zwei Mails, erschütternde - ja was? Nachrichten, Aufrufe, Protestschreie, Zeichen von unfassbarem Lebensmut und Gottvertrauen. Wie unter einem Brennglas halten sie seine Lage und die seiner Kinder und Jugendlichen fest.

Ich habe mich nun dazu entschlossen, die von mir in meinem Tagebuch aufgezeichneten Erlebnisse für diesen Jahresbericht beiseite zu lassen. Stattdessen reiche ich die Botschaften von Demetrius direkt an Sie weiter. Sie enthalten den ganzen Schatten und all das Licht eines Menschen in Recife, der dem mörderischen Wahnsinn trotzt, der, unfassbar fast, einfach noch immer nicht aufgibt.

+++ +++ +++ +++ +++ Egal, wo ihr seid, ihr seid immer bei uns!!!

Wir von der Gemeinschaft der Kleinen Propheten berichten über zwei grausame Morde an Jugendliche aus unserem Projekt.

Jaqueline Cristine, 14 Jahre, wurde vergewaltigt und ermordet. Ihr Körper wurde auf der Müllhalde eines der besseren Stadtteile von Recife geworfen. Als ihr Körper gefunden wurde, befand er sich bereits im Stadium des Zerfalls. Jaqueline wurde ein weiteres Opfer der Gewalt gegen Frauen. Sie wurde am Donnerstag beigesetzt.

Jailson Vieira, 19 Jahre, war Mitglied unserer Perkussionsgruppe. Er wurde von einer Gruppe von 20 Personen zusammengeschlagen und gesteinigt. Als er gestern ins Krankenhaus eingeliefert wurde, befand er sich im Koma. Er wurde lange am Kopf operiert, hat aber nicht überlebt. Er wird am Samstag um 14 Uhr beerdigt.

Egal, wo ihr seid, ihr seid immer bei uns, in unseren Gedanken, in unseren Gebeten, in unseren Erinnerungen.

Falls es ein Leben nach dem Tod gibt, sind sie sicher an der Seite Gottes.

Demetrius Demetrio
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Liebe Ingeborg, liebe Freunde,


Zwei weitere Morde in weniger als einer Woche! Ich weiß nicht, ob diese Situation je aufhören wird. Vielleicht nie, denn die Straflosigkeit ist das Merkmal dieser Stadt. Es reicht nicht, arm und elend geboren worden zu sein und die Straßen von Recife als einzige Möglichkeit zum Überleben zu haben, inmitten von Prostitution, Drogen und Gewalt.

Bei uns bekommen sie Zuneigung, Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit und Ernährung, damit sie aufsteigen wie Phoenix aus der Asche und ihr Selbstwertgefühl gestärkt wird. Sie kommen wie so viele andere jeden Tag zu uns auf der Suche nach Anerkennung und Respekt, als Bürger und als Kinder Gottes.

Ich glaube daran, dass der große Beitrag der Gemeinschaft der Kleinen Propheten in der Herausbildung und Förderung der Werte des Lebens liegt, die die Kinder und Jugendliche in persönlicher und sozialer Risikosituation tatsächlich retten; dass es Leben und Chancen auf Glück und Vervollkommnung gibt.

Die Erfahrung zeigt, dass es möglich ist, Kräfte für ein gemeinsames Ziel zu bündeln. Auf der Grundlage der Bildung und der Förderung der Werte des Lebens kann man einen Beitrag zur Erweckung der Bürgerrechte und damit zur Abschaffung von extremer Armut und Hunger leisten.
v Denn die SOLIDARITÄT – der Glaube, dass die Gesellschaft gerechter wird, wenn alle zum Wohl aller zusammenarbeiten - und der RESPEKT gegenüber dem Menschen, den Unterschieden, der Erde, der Umwelt und sogar gegenüber den Gesetzen des Landes sind grundsätzliche Faktoren für die Schaffung eines besseren Lebens, für die Abschaffung des Hungers und der extremen Armut von brasilianischen Bürgern, und sie müssen nur zum Leben erweckt werden.....

Demetrius Demetrio
Haus der Kleinen Propheten
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Nach diesen beiden Mails aus Recife greife ich, stellvertretend für die vielen hoffnungsvollen Entwicklungen in unseren vier Projekten, nur noch auf einen Eintrag von mir zurück, eine kleine Geschichte aus CAMM. Mit dieser Geschichte begann mein diesjähriger Aufenthalt in Brasilien voller Freude. Und für mich überdauert sie, allem Traurigen zum Trotz, bis heute.

21. August, Ankunft in Recife. In der „Pousada Sao Franscisco“ bekomme ich wieder mein gewohntes Zimmer .Nach 26 Stunden Flug und Wartezeiten auf den Flughäfen versuche ich erst einmal, anzukommen, ein wenig zu schlafen.

Der erste Besuch: CAMM, das „Haus für Mädchen und Jungen“. Vorfreude auf die Kinder. Wer ist neu da? Wie ist es inzwischen denen ergangen, die ich schon kenne? Wer ist noch da, wer fort und wohin? Ich treffe Giselle Soaris, 33 Jahre alt, Psychologin. Am Wochenende war sie mit 50 der älteren Kinder von CAMM auf einem Rummelplatz. Nun halten sie ihre aufregenden Erlebnisse in Bildern fest. Einer malt einen Autoscooter, ein anderer ein Riesenrad, ein dritter einen Drachen - der Ausflug beflügelt ihre Phantasie, hält an als eine gute, eine schöne Erinnerung. Gleich nebenan arbeitet Magda, sie ist Sozialassistentin und betreut die kleineren Kinder. Ein Mädchen zeichnet sich selbst beim Springen auf einem Trampolin. Ein Junge malt die Wasserrutsche. Auch ein Gruselkabinett ist im Angebot. Mitten hinein in sein Bild hat der kleine Maler in seiner Kinderschrift ganz groß das Wort „Deus“ (Gott) geschrieben. „Dann wird das Bild schöner,“ meint er.

Und dann stoße ich, in der Küche, auf Mina. Mina ist 23 Jahre alt, zwei Jahre jünger als das gesamte Projekt. Als Neunjährige kam sie zu CAMM. Ein ungezogenes Kind, angeblich auch nicht erziehbar, deshalb aus der Schule geschmissen. Und nun steht sie da vor mir. Immer noch hier im Haus für Mädchen und Jungen? „Nein.“ Sie lacht. „Nicht so. Ich bin hier und gleichzeitig fort. Ich habe angefangen an der Universität Pädagogik zu studieren und arbeite nun hier, als Erziehungs- Assistentin“. Was für eine Erfolggeschichte! Und als ließe sich die auch noch toppen, erzählt sie mir dann strahlend noch die Geschichte von ihrer Tante. Als sie erfuhr, dass ihre Mina zur Universität gehen würde, um zu studieren, da, sagt Mina: „beschloss meine Tante, doch noch Lesen und Schreiben zu lernen. Übrigens, sie ist gerade 70 geworden.“
Mit einem Mal ist da wenig Schatten und viel Licht.

Viele liebe Grüße



Kinderhilfe- Brasilien e.V Commerzbank BLZ 10040000 Konto Nr.: 325 3333
Iban DE 03 10040000 0325333300

Postgebühren, Fotokopien, Buchhaltung, Reisekosten werden wie immer privat übernommen. Kinderhilfe- Brasilien e.V. ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Ihre Spenden sind steuerlich absetzbar.

Ihre Spenden von Dez. 2008 bis Nov. 2009 : 54 700.--Euro
CAMM „Haus für Mädchen und Jungen „ 13 100.—Euro
Centro „Gemeinschaft Leben und Lernen“ 12 300.—Euro
„Haus der Kleinen Propheten „ 12 100.-- Euro
Grupo „Verantwortung übernehmen für unsere Kinder“ 13 100.-- Euro


Auf der Seite www.kinderhilfe-brasilien.de kann man sich drei kurze Filme anschauen. Sie entstanden während unseres Aufenthalts in den Projekten.

Warum gibt es so viele Strassenkinder in Brasilien?